Abenteuer in Linuxland

Letzte Woche bin ich von Ubuntu auf Antergos umgestiegen. Leicht gefallen ist mir das nicht, bin ich doch ein großer Fan des Unity-Desktops. Ich halte ihn für intuitiv, gut konfigurierbar und extrem arbeitserleichternd – besser als jede andere DE, die ich bisher ausprobiert habe.

Warum etwas so durchdachtes dermassen in der Kritik steht, habe ich nie verstanden. Leider ist Unity in anderen Linux-Distributionen nicht zu finden, und wenn doch – wie in der Manjaro Unity Community Edition – so buggy, dass Menschen mit Ahnung ihn nur für ausgewiesene Masochisten empfehlen.

Ubuntu kommt rauf – und wieder runter

Wie kam es also trotzdem zu dem Wechsel zu Arch? Nun, zum einen habe ich viel Gutes darüber gelesen, zum anderen hat es mich gereizt, nach einer gefühlten Ewigkeit Ubuntu mal wieder etwas Neues auszuprobieren. Der Hauptgrund war allerdings die Entscheidung von Canonical, mit 16.04 eine Langzeit unterstützte Version herauszubringen, bei der ich mich wie ein Beta-Tester gefühlt habe. Denn letztlich wollte ich – Arch hin oder her – auf dem neuen Ideapad doch nicht auf Unity verzichten und habe zuerst 16.04 installiert. Recht so, meldete sich meine Vernunft, du bist mit 12.04 Jahre lang gut gefahren, und läuft es nicht immer noch stabil und fehlerfrei auf deinem Vaio im Dualboot neben Windows 7? Eben!

Der erste Schritt war, Windows 8 vom Lenovo runterzuschmeißen (die einzigen Anwendungen, wofür ich Windows nutze, sind Elster und der Tiptoi-Stift meiner Kinder und die laufen auch in der Virtualbox), und dann eine saubere 16.04 Installation hinzulegen. DAS zumindest hat geklappt (nebenbei bemerkt: eine Ubuntu-Installation ist auch für blutige Anfänger einfacher zu wuppen, als in Windows 8 ein neues Textdokument zu öffnen), die Probleme begannen erst danach.

Zuerst ist mir aufgefallen, wie altbacken und plump die Ubuntu Default-Icons und Hintergründe mittlerweile aussehen. Da mal einen Designer dran zu setzen, wäre sicher nicht die schlechteste Idee. Ein wirkliches Problem ist das allerdings nicht, gibt es doch schon jetzt massenweise leicht installierbare Alternativen. Beunruhigt hat mich schon eher, dass die Launcher-Icons auf dem zweiten Monitor (der die gleiche Auflösung hat wie der Laptop) frisselig und pixelig aussahen. Ich habe kurz gestöhnt – Neuinstallationen haben immer ihre Tücken – aber auch das wäre wohl mit ein wenig googlen lösbar.

Fassungslos gemacht hat mich schließlich, dass mir der Rechner in den ersten 10 Minuten drei Mal eingefroren ist, ohne dass er irgendwelche Aktionen ausführen musste, die dem RAM oder den CPUs viel abverlangt hätten, nix, nada! Wenn das schon unter Nichtlast so abläuft, wie soll das erst im normalen Arbeitsbetrieb werden? Passend dazu poppte dann im Minutentakt die Meldung auf, Ubuntu habe einen Fehler entdeckt, ob ich den denn nicht melden wolle. Schön, dass Ubuntu den Fehler auch bemerkt hat, lieber wäre es mir allerdings gewesen, die Canonical-Entwickler würden die Bedeutung des Wortes „Qualitätskontrolle“ kennen. Wohl gemerkt: Jedes neue OS hat Bugs, aber bei einer LTS (long term support) Version, mit der Canonical in Windowsland wildern will, kann man durchaus etwas mehr Sorgfalt erwarten, ohne in den Ruf zu geraten, ein nörgelnder Miesepeter zu sein (und den Bug mit den nicht installierbaren .debs habe ich noch gar nicht erwähnt). Danke Ubuntu, es war schön mit uns, aber ich bin hier raus.

Warum aus Manjaro dann doch Antergos wurde

Ubuntu kommt also wieder runter, aber was kommt rauf? Zur Auswahl standen eigentlich nur Manjaro oder Antergos, zwei Arch-Varianten, die man auch ohne Informatikstudium selber installieren kann. Zudem bieten beide einige DEs zur Auswahl: Cinnamon und Mate sowie die leichtgewichtigen Ubuntu-Derivate. Leider gefallen mir die alle nicht. Ich finde die öde und unsexy und gerade, weil ich viel vor dem Rechner sitze, will ich auf was schauen, was das Auge nicht beleidigt. Manjaro hat noch KDE im Angebot, das kenne ich noch aus meiner Open Suse Zeit. Mit Zähneknirschen, aber gut, der soll es sein, zumal Antergos sonst nur noch mit Gnome 3 aufwarten kann, was ich bisher für reines Eyecandy gehalten habe, ohne großen Nutzwert.

Glücklicherweise erwies sich die Installation von Manjaro als Fehlschlag, oder besser: Es kam gar nicht zu einer. Drei Mal habe ich versucht, Manjaro mit Calamares von einer geprüften DVD aufzuspielen, allein der Mollusk war bockig und hat die Installation jedes mal innerhalb weniger Sekunden abgebrochen. Mittlerweile dachte ich, ich bin im falschen Film. Die neue Version meiner Standard-Disro ist ein zusammengeschludertes, unbrauchbares Etwas und das viel gespriesene Manjaro will partout nicht auf mein Notebook. Aber das war tatsächlich ein Glück, denn ohne dessen Installationsverweigerung hätte ich jetzt nicht Antergos auf dem Rechner und wäre nicht zum Gnome-3-Fanboy mutiert.

Reibungslos ist aber natürlich auch diese Installation nicht abgelaufen, obwohl zunächst alles danach aussah. Dank Cnchi lässt sich Antergos genauso einfach aufspielen wie Ubuntu. Dummerweise poppte nach 20minütigem Installationsgeratter die Meldung auf, der Vorgang werde abgebrochen, ein Fehler sei aufgetreten. Ein Fehler? Irgendein Fehler? Na sauber! Ich liebe Meldungen, die einem nicht erklären, was denn konkret schiefgelaufen ist.

War ich genervt? Könnt ihr drauf wetten. Aber irgendein OS muss schließlich auf den Rechner, also alles noch mal von vorn. Und siehe da, nach weiteren 20 Minuten war die Installation sauber abgeschlossen, schnell auf Neustart geklickt und – nichts passiert.

Das heißt, der Laptop fuhr schon hoch, blieb dann aber bei einem schwarzem Bildschirm hängen. Nur der Cursor blinkte oben links still und höhnisch vor sich hin, ein Gefährte meiner Einsamkeit angesichts des Elends in der Welt der Nullen und Einsen.

War ich genervt? Auch. Gewachsen war überproportional allerdings auch meine Entschlossenheit, Antergos auf die Kiste zu kriegen, selbst wenn ich mir die ganze Nacht um die Ohren schlagen müsste. Das war dann gottseidank nicht nötig, denn nach kurzem gegoogle war klar, dass ich bei der Auswahl der zusätzlichen Software aus Versehen das Häckchen bei den Nvidia-Treibern gesetzt haben musste. Weiß der Teufel wieso, ich habe nämlich gar keine Nvidia-Grafikkarte an Bord. Ich mache es kurz: Der nächste Versuch war erfolgreich und ich habe erst mal einen Schnaps gekippt.

Antergos + Gnome = ❤

Bin ich zufrieden? Sehr. Der Zugewinn an Geschwindigkeit gegenüber dem Ubuntu auf dem Vaio ist gewaltig (was natürlich auch an der leistungsstärkeren Hardware des Ideapad liegen kann). Die Installation von Software mit AUR und pacman geht fix und ist kinderleicht und die angeschlossene Hardware läuft out-of-the-box, sogar mein Moto RAZR wird als externer Datenträger erkannt (das konnte Ubuntu nicht).

Das Beste: Gnome 3 gefällt mir nach kurzer Einarbeitung so gut, dass ich Unity kaum vermisse. Kaum, weil ich die Quicklist beim Rechtsklick auf die Programme gerne selber konfigurieren würde, unter Gnome aber keine Möglichkeit entdeckt habe, wie das geht und weil ich die Platzausnutzung auf dem Bildschirm unter Gnome nicht optimal finde. Unity kann das mit der Integration der Menüleisten in das Panel deutlich besser.

Toll finde ich hingegen die Gnome Extensions, auch wenn es eine Zeit gedauert hat, bis ich heraus bekommen habe, dass die sich nur mit dem Epiphany Browser installieren lassen (Korrektur 31.05.2016: Das stimmt nicht. Mit dem Firefox geht das auch). Jetzt kann ich das Touchpad abstellen (Umschaltmethode auf „synclient“ einstellen, unter „gnome“ hat es nicht funktioniert) und mir im Menü die laufenden Audioplayer und Spotify anzeigen lassen und bedienen.

Finetuning

Natürlich war noch mehr an Finetuning nötig. Num Lock wird jetzt zumindest nach der Anmeldung automatisch aktiviert, das habe ich hinbekommen (gibt eine Gnome-Extension). Auch das hin und wieder auftretende Verschwinden der Buttons Herunterfahren/Bereitschaft/Abmelden aus dem Menü ist Vergangenheit, was aber leider nicht viel nützt: Zwar geht der Rechner in Bereitschaft, aber da bleibt er auch – zumindest so lange, bis er durch einen Neustart wieder ins Leben zurückgeholt wird. Das ist ärgerlich, andererseits bootet die Kiste so schnell, dass ich mich eine Zeit lang damit arrangieren kann. Eine Lösung habe ich nämlich trotz Recherche in allen möglichen Foren bisher nicht gefunden.

Etwas nervig ist auch das laute Brummen, das aus den über die Kopfhörerbuchse angeschlossenen Lautsprecher ertönt, NACHDEM ich den Rechner runtergefahren habe. Wenn jemand von euch einen Workaround für dieses oder die anderen erwähnten Probleme kennt: Ich bin für jeden Hinweis dankbar.

Antergos = Linux for everyone?

Die Foren sind übrigens mehr noch als die Probleme bei der Installation und den erwähnten Bugs der Hauptgrund, warum ich weder Manjaro noch Antergos für Linux-Neulinge empfehle. Das eigentliche Arch-Forum ist sehr umfangreich, genau wie das Wiki, für Newbies und Laien aber unbrauchbar – es wird einfach zu viel Wissen vorausgesetzt. Anders die Manjaro- und Antergos-Foren: Hier erhält man Tipps, die man sogar versteht, wenn man sie denn bekommt. Tatsächlich verhallen viele der dort gestellten Fragen unbeantwortet, weil sich in den Foren zu wenige User tummeln.

Einsteigern in die Linuxwelt empfehle ich deshalb weiterhin Ubuntu, meinen Äußerungen weiter oben zum trotz. Die Ubuntu-Community ist riesig, dazu existiert ein fast lückenloses Wiki auf Deutsch. Der viel geschmähte Unity-Desktop ist so intuitiv bedienbar, dass es keine 10 Minuten dauert, bis man den Dreh raus hat. Selbst meine Frau, die keinerlei Ambitionen hat, sich mit der Funktionalität von Desktops auseinander zu setzen („das soll nur funktionieren“) hat nicht länger gebraucht. Ubuntu bietet zudem die größte Auswahl an Software und ist generell sehr benutzerfreundlich aufgebaut. Der Vorgänger von 16.04 LTS heißt 14.04 LTS, ist wesentlich ausgereifter und wird noch bis April 2019 mit Updates unterstützt. Probiert das, von mir aus im Dualboot, und danach fragt ihr euch, warum alle Welt dieses Windows benutzt.

Ich allerdings bin erst mal raus aus dem Canonical-Universum, zumindest solange Antergos so schnell und stabil läuft, wie bisher. Wird schon schiefgehen.

Update 31.05.2016

Seit fast vier Wochen läuft Antergos nun auf dem Ideapad und ich bin froh, dass ich mich für diese Distro entschieden habe. Schnell, stabil und dazu mit Gnome 3 ein Desktop, der nicht nur extrem gut aussieht, sondern auch schelles und produktives Arbeiten ermöglicht. Hätte nicht gedacht, dass ich mich von Unity so schnell umgewöhnen könnte. Gestern habe ich dann mein altes Sony Vaio ebenfalls auf Antergos umgestellt und den Dualboot von Ubuntu 12.04 LTS und Windows 7 von der Platte gewischt. Letzteres fristet nun ein Schattendasein in der Virtualbox auf dem Ideapad – eine klasse Lösung, auf die ich gerne eher gekommen wäre.

Positiv aufgefallen ist mir auch, wie leise beide Laptops laufen. Selten, dass die Lüfter mal hochdrehen, ansonsten hört man – fast nichts. Kein Vergleich zu dem Lärm, den das Vaio vorher sowohl unter Ubuntu als auch unter Windows bereits im Leerlauf veranstaltet hat.

Natürlich gibt es auch Nervkram, aber der hält sich in Grenzen. Das Ideapad kann ich zwar in den Ruhezustand versetzen, aber aufwachen tut die Kiste dann nicht. Sie rattert und will, aber der Bildschirm bleibt schwarz. Da hilft nur ein Reboot, der immer noch, wie weiter oben beschrieben, so schnell geht, dass es fast egal ist. Blöd ist das natürlich, wenn man gerade viele Anwendungen offen hat und erst mal alles sichern und speichern muss. Kurioserweise funktioniert das bei dem alten Vaio out-of-the-box (dafür hakt es hier bei dem Helligkeitsregler).

An der Grenze zum Schwachsinn bewegt sich allerdings das Feature, dass man bei der Installation Steam bereits mit auswählen kann, um dann im Betrieb festzustellen, dass sich das Programm ohne Nachinstalliererei von zig libs und Treibern (auf beiden Notebooks!) nicht öffnen lässt. Ernsthaft, so etwas ist idiotisch. Wenn das nicht funktioniert, lasst das doch! Oder weist die User zumindest VORHER auf diese Problematik hin – und das ist eine, ich bin bei weitem nicht der einzige davon Angenervte – anstatt zu erwarten, dass die auf der Suche nach einer Lösung ihre Zeit in den Hilfeforen verschwenden.

Aber genug genörgelt. Inzwischen kann ich mir schon vorstellen, dass Antergos tatsächlich ein Linux „for everyone“ sein könnte. Kleine Schwächen hat schließlich jede Linux-Distro, und auch die Community und damit die Hilfe bei Problemen wird weiter wachsen, denn aktuell scheinen die bedienerfreundlichen Arch-Distributionen ziemlich im Kommen zu sein. Manjaro ist sicherlich eine Alternative, hat bei mir in der Virtualbox (mit KDE) aber merklich träger reagiert als Antergos unter gleichen Bedingungen. Der Gnome 3 Desktop wird zudem unter Manjaro genau wie Unity nicht offiziell unterstützt, Aktualisierungen können deshalb aufgrund fehlender Abhängigkeiten schnell mal das ganze System lahm legen. Aber selbst wenn ich mit dieser Einschätzung falsch liegen sollte: Ich wüsste nicht, was Manjaro besser machen könnte als Antergos. Und deshalb kommt mir auf absehbare Zeit kein anderes Linux auf die Festplatte.

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