Christians kommentierter Spotify-Mix für die 47. Woche

Im Mittelpunkt diese Woche: Das Hi-Records-Label, Space-Funk, ein Lee-Hazlewood-Gedächtnis-Bariton und eine Musikrichtung, die so attraktiv ist wie Genitalherpes.  Hier geht’s zum Link, wer will kann aber auch scrollen. Viel Spaß beim Lesen und Hören!

The Wave Pictures „The Woods“ Ganz offensichtlich eine Hommage an The Velvet Underground. Rhythmus, Sound und  Melodiefetzen wurden fast eins zu eins von „I Can’t Stand It“  übernommen, der Gesang klingt dafür überhaupt nicht nach Lou Reed. Finde ich besser als andere Velvets-Klone.

Lijadu Sisters „Come On Home“ Entspannter Midtempo-Pop-Funk aus den frühen 80er Jahren. Die hier namensgebenden Sisters stammen aus Nigeria – wo sie zwischen 1960 und 1980 ziemlich beliebt gewesen sein sollen – weshalb der Gesang zwar auch poppig, aber vor allem afrikanisch klingt. Mainstream und Mainstream gesellt sich gern, von daher passt das ganz gut zusammen. Besonders aufregend finde ich das Resultat aber nicht.

Ann Peebles „I’m Gonna Tear Your Playhouse Down“ Von ihrem 74er Album „I Can’t Stand The Rain“, auf dem sie klingt, wie eine weibliche Ausgabe von Al Green. Das ist kein Wunder, denn für die Grooves und den Sound ihrer wunderbaren Songs sind die selben Hi-Records-Musiker unter der Leitung von Willie Mitchell verantwortlich, die auch aus den Platten von Reverend Green Meisterwerke gemacht haben. Ich liebe diesen einfachen, fast ruralen Stil einfach und ihre Stimme ist großartig.

Beat Happening „Indian Summer“ Kommerziell belanglose, dafür aber künstlerisch umso einflussreichere Band aus der Hoch-Zeit des US-Indierocks Mitte der 80er Jahre. Markenzeichen waren ein äußerst reduzierter Sound  (einen Bassisten gabs nicht), Calvin Johnsons sonor grummelnder Lee-Hazlewood-Gedächtnis-Bariton und eine offensiv präsentierte, 110prozentige Nerdigkeit. Für all das ist „Indian Summer ein  archetypisches Beispiel.

Richard Swift „Lady Luck“ „Lady Luck“ hat ein schönes 70s Soulfeeling, einige Sounds klingen aber nach Samples. Trotzdem: Hätte ich das Cover nicht gesehen, hätte ich nicht ohne weiteres auf einen modernen Song getippt.

Jacqueline Taieb „Le Coeur Au Bout Des Doigts“ Hier wiederum ist die Ära nicht schwer zu erraten. Mademoiselle Taieb macht charmanten französischen 60s-Pop.

Beck „Nobody’s Fault But My Own“ Innerlichkeit und weite Räume. Das können nicht viele. Ich finde seine Songs klasse.

weenWeen „Your Party“ Immer wieder toll zu hören, wie Ween in der Grabbelkiste der musikalischen Stilrichtungen wühlen und daraus  großartige Songs zusammenbasteln. Dieser hat wunderbar melancholisches 70s Flair und erinnert mich an die Schlüssel-Party-Szene aus „Der Eissturm“. Besonders toll sind Genes Vocals und das über jedes doofe Klischee herausragende Saxofon (Dean ordnet sich mannschaftsdienlich etwas unter und hat erst gegen Ende ein kleines Solo).

The Lovin‘ Spoonful „Butchie’s Tune“ Midtempo Folkrock-Song mit E-Piano als Lead-Instrument. Einige Songs der Band finde ich klasse, den hier mag ich nichtt.

Tim Hardin „House Of The Rising Sun“ Songwriter-Genius, dessen Songs in der Regel als Coverversionen erfolgreicher waren. als seine eigenen, fragilen Versionen. „House“ ist allerdings ein dermassen totgedudelter und -gecoverter Song, dass ich ihn, in egal welcher Version, nicht mehr hören mag.

The Stepkids „Sweet Salvation“ Modern, aber völlig retro, dieser Space-Funk-Bastard aus Hot Chip und Funkadelic.

ffordFrazey Ford „September Fields“ Beginnt wie ein Folksong, dann wird es sehr schnell funky. Frazey Ford scheint die Willie Mitchell Produktionen auch sehr zu mögen, denn „September Fields“ kling wie eine. Ihre ungewöhnliche Stimme gefällt mir und wie sie sie einsetzt ist ebenfalls toll –  intensiv und leichzeitig völlig entspannt. Das ganze Album ist super (läuft gerade durch).

Syl Johnson „Is It Because I’m Black“ Sanft groovender Blues mit ziemlich viel Soul als Zugabe. Das wurde mit Sicherheit von einem kleinen Label aus den Südstaaten rausgebracht.

Jean-Jacques Perrey „EVA „ Aus dem Album mit dem schönen Titel „Moog Indigo“. Lässt Schlimmes vermuten, aber Jean-Jacques kann mit dem Moog umgehen. „EVA“ haut in die selbe spacig-abgedrehte Kerbe wie der Track von den Stepkids.

Jefferson Airplane „Today“ Verträumte Acid-Ballade mit Lead-Gesang von Marty Balin.

Gil Scott-Heron & Brian Jackson „The Bottle“ Ist jetzt das dritte Mal, dass die beiden in einem Mix auftauchen. Zwei mal wurden sie arg gescholten, jetzt gibt es ein uneingeschränktes Lob. Grooviger Funk-Jazz-Track mit Message. Geht in die Beine.

The Greenhornes & Holly Golightly „There Is An End“ Wunderschöner Little-Girl-Lost-Retro-Soul mit einem Schuss Second-Hand-Glamour. Könnte auch Holly solo sein, klingt genauso. Die Wahl ihres Pseudonyms zeugt von Selbstvertrauen, denn das könnte auch schnell als Anmassung empfunden werden. Zu ihr passt es allerdings perfekt.

Evan Dando „All My Life“ Songs schreiben kann er immer noch, aber: Was für ein Abstieg vom gefeierten Fast-Superstar zum zugedrogten Wrack, dass  mit Mühe und Not seine Auftritte in Indiekaschemmen übersteht, ohne von der Bühne zu fallen. Gemessen an Evans Talent (der große Jeffrey Lee Pierce hat mal gesagt,  einige von Dandos Songs hätte er auch gerne geschrieben) hat das fast die tragische Dimension von Nicos Schicksal, mit der er  neben dem Talent das extrem gute Aussehen teilt.

Babe Ruth „The Mexican“ Die machen eigentlich Prog-Rock, eine Musikrichtung, die ich ungefähr so sehr schätze wie Genitalherpes. Auch „The Mexican“ ist davon natürlich zumindest angehaucht, aber auch sehr treibend und unerwartet funky. Der Rest vom Album ist dann allerdings echt übel.

Jane Weaver „Don’t Take My Soul“ Das debile Kindergarten-Backing ist furchtbar, passt aber optimal zum gehörnervzersägenden Sirenengeheule von Frau Weaver. Aurale Masochisten kommen hier peinigende sechseinhalb Minuten lang voll auf ihre Kosten.

bgentryBobby Gentry „He Made A Woman Out Of Me“ Der Klang alter Hi-Records-Aufnahmen zieht sich wie ein roter Faden durch diese Playliste. Auch Bobbys textlich deutlich direkteres Reworkung von „Son Of A Preacher Man“ geht eindeutig in diese Richtung. Sie gibt die toughe Südstaaten-Schönheit: Der Typ hat seinen Spaß gehabt und lässt sie sitzen, aber gejammert wird nicht. Sie kann ihn zwar nicht vergessen, aber immerhin ist sie jetzt eine Frau. So was wäre von Dusty undenkbar.

Spooky Tooth „Better By You, Better Than Me“ Ziemlich pompöser, orgellastiger Rock. Ich komme gut ohne so was aus.

The West Coast Pop Art Experimental Band „A Child Of A Few Hours Is Burning To Death“ Die WCPAEB wurde von reichen kalifornischen Bürgersöhnen gegründet und hat in den 60ern zwei sehr schöne Psychedelic-Alben rausgebracht. Der Titel dieses nicht sehr psychedelischen Songs hört sich an wie eine bescheuerte Provokation um der Provokation willen, tatsächlich haben wir es hier aber mit einem Protestsong gegen den Einsatz von Napalm im Vietnamkrieg zu tun.

The Clientele „Reflections After Jane“ Das hat nun wieder was von den Velvet, genauer was von „Pale Blue Eyes“ und „Sunday Morning“. Damit’s nicht ganz so auffällt, haben sie eine Tonne Hall über die Vocals gekippt. Der Song ist aber trotzdem sehr schön.

The Pastels „Vivid Youth“ Ein Song wie mit Buntstiften gemalt. Die Sängerin versucht gut abgehangene Coolness mit Sensibilität unter einen Hut zu bringen, was nicht so richtig gelingt. Ich sehe ein kleines Mädchen, das mit einer Haarbürste vorm Spiegel posiert.

The Felice Brothers „Frankies Gun!“ Retro-Folk mit Schifferklavier, kräftigem Gesang und Schunkelrhmus. Besonders letzteres finde ich gar nicht schön, erwische mich aber gerade dabei, mir vorzustellen, dass dieser Song in einer Hafenkneipe mit genügend Alkohol intus Spaß machen könnte (das Erfolgsrezept der Pogues, igitt).

zombiesThe Zombies “ Care Of Cell 44″ Liebeslied an jemanden, der/die bald aus dem Gefängnis entlassen wird. War vermutlich für die damalige Zeit ein gewagter Text, weil die geschlechtliche Identität der/des Angesugenen nicht offenbart wird. Musikalisch ein Zombies-typisches federndes Pop-Beat-Stück mit viel Mellotron.

Nostalgia 77 & Prince Fatty „Medicine Chest Dub“ Tanzbarer moderner Reggae mit Retro-Chic. Hübsch.

Julia Holler „Don’t Make me Over“ Zu Beginn ein schöner, sanfter  Folk-Jazz-Song, der sich mit Einsetzen der Streicher in Richtung 60s-Glamour-Pop öffnet. Lustig: Sie singt immer „don’t make me oh-fa“.

Sibylle Baier „Tonight“ Akustik-Folk, nur Gitarre und Gesang. Schön, aber spannungsarm. Hätte ich mir jetzt zum Abschluss nicht unbedingt gewünscht.

Kommentare fände ich immer noch gut, auch teilen dürft ihr auch gerne. Der Einfachheit halber gibt es dafür den gleich hier in der Nähe den Share-Button. Bis zur nächsten Woche, stay tuned!

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Alternative, Christians kommentierter Spotify-Mix, Jazz, Musik, Pop, Texte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s