Christians kommentierter Spotify-Mix für die 41. Woche

„Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Danke, Fritz, so sieht’s aus. Der Abgrund in dieser Woche hört auf den Namen „Psychedelisch“. Dazu wieder so einiges aus der Songwriter-Ecke, etwas Funk, Klatsch aus der Welt der Reichen und Schönen und (leider!) ein schwedisch singender Schwede. Aber für solche Fälle gibt es ja den Next-Button. Playliste gibt es hier oder am Ende.

fowleyKim Fowley „The Trip“ Eine der schillernsten Gestalten, die es im Rock’n’Roll je gegeben hat. Am bekanntesten ist er aber nicht als Solo-Künstler sondern als Produzent der Runaways geworden (genau, die amerikanische Allgirl-Hardrockband mit Joan Jett und Lita Ford an den Gitarren). Fowley war immer schnell dabei, neu aufkommende Musikströmungen mit obskuren Projekten anzureichern, um mit wenig Aufwand ein paar Dollar abzugreifen, und natürlich hat er die ab Mitte der 60er anbrandende Psychedelic-Welle nicht ungenutzt an seinem leichtes Geld witternden Ausbeuter-Ego vorbei schwappen lassen.  Denn Fowley war vielleicht nicht der erste, mit Sicherheit aber der hartnäckigste Impressario, der die uramerikanische Kulturleistung der Exploitation-Movies auf die Musikbranche übertragen hat. Und genau wie beim Film ist auch bei Fowleys Musik selten das große Geld, dafür aber so manches Mal große Kunst rausgekommen – hier in Form eines die Grenze zum Debilen streifenden „Song“, in dem der Meister himself zu einem Backingtrack, den ihm ein paar verpeilte Kids für 10 Mäuse in irgendeiner Hinterhof-Garage eingespielt haben, die Schlagwörter der damaligen Hip-Szene mit heiserer Stimme herausbrüllt. Würde mich nicht wundern, wenn Fowley irgendwo im Song noch ein paar satanische Botschaften untergebracht hätte, der Credibility wegen, y’know… Hat wer die Platte und spielt die mal rückwärts?

Dory Previn „The Lady With The Braid“ Entspannter Folk-Pop. Dory Previn hat eine wunderbar unangestrengte Art zu singen. Was nicht in der „Gala“ steht, aber hier: Dory Previn war mit dem Komponisten und Dirigenten André Previn verheiratet, bis der sie wegen einer jungen, aufstrebenden Schauspielerin namens Mia Farrow verlassen hat. Dory, die mit Farrow befreundet war, hat die Trennung ziemlich aus der Bahn geworfen, so sehr, dass sie einige Zeit in einem Sanatorium verbringen musste. Später hat sie den Song „Beware Of Young Girls“ geschrieben, eine bitterböse Abrechnung mit ihrer ehemaligen Freundin. Würde mich interessieren, was Dory gedacht hat, als Mia Farrow Jahre später die selbe Situation durchleben musste.

Television Personalities „Stop & Smell The Roses“ Post-Punk-Lo-Fi-Brit-Psychedelica (#smellslikebrillianthashtag) der guten Sorte. Und ein schönes Liebeslied dazu.

Elvis Costello „Welcome To The Working Week“ Den hatten wir schon in der 35. Woche mit einem Song vom selben Album.

Love „Always See Your Face“ Wie das meiste von Love sehr gut. Ich empfehle aber Loves „Forever Changes“ Album, ein Meilenstein des Pop, genau wie „Pet Sounds“ von den Beach Boys oder „Triangle“, das Meisterwerk der Beau Brummels.

south_coreaKim Jung Mi „The Sun“ Sage keiner, automatisch erstellte Playlisten würden den Horizont nicht erweitern! Wer hat schon gewußt, dass es in Südkorea eine florierende Psychedelic-Szene gegeben hat? Eben! Hat es aber, und einiges davon kann man auf dem Sampler mit dem schönen Titel „Beautiful Rivers and Mountains: The Psychedelic Rock Sound of South Korea’s Shin Joong Hyun 1958 – 1974“ hören, auf dem auch Kim Jung Mi vertreten ist. Ihr Song „The Sun“ hat allerdings mit Rock nichts und mit Psychedelic wenig zu tun. Vielmehr handelt es sich um ein sehr, sehr sanftes Stück Folk mit wunderschönem Orchesterarrangement, dass für ein leichtes psychedelisches Flair sorgt. So was sollte in asiatischen Restaurants laufen statt der ewig gleichen Muzak-Tapete.

Nick Cave & The Bad Seeds „Nature Boy“ Cave erstaunlich straight und gute Laune verbreitend. Eine Melodie die das Herz wärmt, genau wie der wunderschöne, zärtliche Text.

Alice Coltrane & Pharoah Sanders „Journey In Satchinananda“  Das Stück klingt exakt so wie es heißt. Ingredenzien sind ein langsamer Kiffer-Groove, das kontinuierlich an- und abschwellende Schnarren einer Sitar (?) , perlende Harfen-Arpeggios, Glöckchengebimmel und natürlich Sanders‘ Saxofon, das er hier aber nicht so frei einsetzt, wie auf seinen Solo-Alben. Schade, denn so tendiert der Track mächtig in Richtung Hippie-Kitsch.

Aphrodite’s Child „The Four Horsemen“ Ich fand die immer uncool, weil meine Mutter ein großer Fan von Demis Roussos war, der nach der Auflösung von Aphrodite’s Child seine Karriere als Interpret sehnsuchtsvoller Schmachtfetzen fortgesetzt hatte. Dass er obendrein ein dicker Mann mit Bart war, der sich mit Vorliebe in sackartige Kleider gewandete, hat die Sache nicht besser gemacht. Heute sehe ich über solche Äußerlichkeiten natürlich hinweg, ein klein wenig stört mich nur noch sein tremolierender Gesang. Aber der Song ist klasse, ein treibender psychedelischer Hurrikan mit einer starken Melodie. Müsste eigentlich auch in der großen Stoner-Rock-Gemeinde Anklang finden.

Bruce Springsteen „State Trooper“ Siehe die Anmerkung zu Elvis Costello.

Merry Clayton „Southern Man“ Soul/Funk-Version von Neil Youngs Anti-Rassismus-Klassiker. Merry Claytons Stimme erinnert ein wenig an Mavis Staples, und die halte ich für die größte Soulsängerin überhaupt. Klasse, gerne mehr davon.

Roland S. Howard „(I Know A Girl Called) Johnny“ Hat mit Nick Cave zusammen bei The Birthday Party gespielt. Als Gitarrist finde ich ihn  gut, als Sänger und Songwriter eher durchschnittlich, genau wie diesen verhallten Neo-Psychedelic-Track.

Cate Le Bon „Are You With Me Now?“ Erschüttert die Musikwelt nicht gerade in ihren Grundfesten, ist aber ein solides Stück Songwriter-Handwerk. Ihre Stimme mag ich.

Sopwith Camel „Fazon“ Sophisticated, jazzy, funky und cool – „Fazon“ gefällt mir richtig gut, obwohl in dem Stück ein Sopransax soloieren darf (was ich selbst bei Coltrane nur ab und zu mag). Höre mich gerade durch das komplette Album  „The Miraculous Hump Returns From The Moon“ durch (dämlicher, weil Assoziationen an übelsten Prog-Rock weckender Titel) und habe bis auf die überflüssige Vaudeville-Nummer „Monkeys On The Moon“ keinen Totalausfall entdeckt. Mir sind beim Hören Steely Dan, The Association und Cymande in den Sinn gekommen und ich denke, mit diesem Koordinaten liege ich nicht völlig daneben.

Chris Whitley „Living With The Law“ Klingt wie eine Daniel Lanois-Produktion aus den 90ern. Moderner Blues mit viel Atmosphäre.

The Jayhawkes „Blue“ Lässiger, entspannter Rock, souverän gespielt von einer wunderbar musikalischen Band.

Nadine Shah „Stealing Cars“ Die Stimme finde ich gut, den Song nicht so. Experimentell angehauchtes Hochglanz-Indiegeschrabbel, was trotz des unaufhörlichen Antreibens der Rhythmussektion nicht wirklich von der Stelle kommt.

Torkel Rasmusson „Resan“ Schwede der schwedisch singt. Habe nur ganz kurz reingehört, um dem Spotify-Algoritmus keine Begründung zu liefern, meine Mixe mit weiteren skandinavischen Muttersprachlern zu infiltrieren.

Laurie Anderson „Let X=X“ Von „Big Science“, ihrem ersten Album.  Mir fällt keine andere Künstlerin ein, die so überzeugend Intelligenz mit menschlicher Wärme verbindet. Großartig.

Primal Scream „I’m Losing More Than I Ever Have“ So klingt das, wenn abgefuckte englische Pillenschmeisser die Stones nachspielen. Hat aber was, und manchmal höre ich das ganz gern.

Elizabeth Cotton „Freight Train“ Akustischer Country-Blues, toll gespielt und gesungen.

Iggy Pop „I’m Bored“ Nicht unbedingt sein bester Song, es sei denn er wollte, dass sich das Gefühl der Langeweile auf den Hörer überträgt.

Allen Toussaint „Southern Nights“ Legendärer Sänger, Songschreiber und Produzent aus New Orleans. War für zahllose Hits verantwortlich, die nicht nur zurecht Hits geworden sind, sondern auch qualitativ weit über den Durchschnitt herausragen.

hawleyRichard Hawley „As Dawn Breaks“ Einer der klassischen Pop-Melancholiker, bekannt für seine bittersüßen, gerne opulent arrangierten Songs  und seinen gänsehautmachenden Bariton. Groß.

Make Up „I Am Pentagon“ Dunkler, sehr erotischer Song mit grandiosem Text, in dem die zwischenmenschliche Anziehungskraft durch das Zueinanderpassen geometrischen Formen allegorisiert wird.

Michael Hurley „Be Kind To Me“ Sympathischer Countrysong mit einfacher, aber elementarer Message: „Come on, be kind to me / Can’t you see I’m in misery?“

The Millenium „To Claudia On Thursday“ Schön groovender 60s Popsong mit Latineinschlag und fantastischen Vocals. Klingen wie The Association auf ihren späteren Alben (die es aber leider auf Spotify nicht gibt).

ESG „You’re No Good“ Oh, das gefällt mir. Cool, reduziert und funky.

King Creosote „For Nights Only“ Langes Intro, aber dann geht der Song gut nach vorne. Tolles Arrangement, sehr angenehmer Gesang – ein klassischer, sehr guter Indietrack.

Pale Fountains „Unless“ Von ihrem sehr guten Debutalbum „Pacific Street“ das Stück, das mir am wenigsten gefällt. Deutlich verkrampfter als die wunderbaren, federleichten Popsongs, die sonst noch drauf sind.

Dieser Mix hat mir bisher am besten gefallen. Viele seltene Sachen und einige echte Überraschungen. So mag ich das. Bis nächste Woche!

 

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Eingeordnet unter Alternative, Christians kommentierter Spotify-Mix, Jazz, Musik, Pop, Texte

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