Christians kommentierter Spotify-Mix für die 40. Woche

Dieses Mal dabei: Sich selbst hassende Songwriter, mein Ticket in die Welt des US-Hardcore, ein Song von einem der besten Popalben aller Zeiten und ein weinerlicher Klassiker. Die komplette Playliste gibt es hier oder ganz am Schluss. Enjoy!

Cowboy Junkies „Powderfinger“ SloMo-Version des Neil Young Klassikers. Auf die gleiche Art hatten die Cowboy Junkies schon „Sweet Jane“ von den Velvets bearbeitet. Die sakrale Atmosphäre und der gehauchte Gesang wirken auf mich heute merkwürdig gekünstelt. Hat mir früher besser gefallen.

J.J. Cale „Don’t Go To Strangers“ Der Erfinder des Adjektivs „laid back“. Ich mag ihn und seinen dösigen Schaukelstuhl-Rock auch.

Nancy Sinatra & Lee Hazlewood „Some Velvet Morning“ Von „Nancy & Lee“, einem der besten Popalben aller Zeiten (wenn man „Jackson“ und „Greenwich Village Folksong Salesman“ mal außen vor lässt). Der heimliche Held der Platte ist für mich Orchesterleiter Billy Strange, der Hazlewoods countryesken Songs mit seinen flirrenden Arrangements erst jenes glitzernde Las-Vegas-Flair eingehaucht hat, das sie zu unsterblichen Klassikern gemacht hat. Wer das nicht gut findet, gehört ins Heim.

Randy Newman „Baltimore“ Ikone der Songwriter-Kunst, dessen Talent unbestritten ist. Trotzdem haben mich seine Alben nie wirklich berührt. „Baltimore“ ist ein unsentimentaler Blick auf das harte Leben in einer harten Stadt. Newman scheint mittlerweile in die Fußstapfen seiner berühmten Onkel und Cousins getreten zu sein und nur noch Filmmusiken zu schreiben.

The Magnetic Fields „Take Ecstasy With Me“ Interessantes Pop-Projekt, dessen Songs stilistisch so unterschiedlich sind, dass die Alben wie Sampler klingen. Mastermind Stephen Merritt kann was, aber mir gefällt’s nur mäßig.

Syd Barrett „Octopus“ Der war in seiner ganz eigenen Welt. Schade, dass er mit der nicht klar gekommen ist. Barretts Songs sind entweder der Ausdruck eines Genies, dessen Geist auf der Schneide eines Rasiermessers tanzt oder debiles Zeug von einem, der auf schlechten Trips hängengeblieben ist. Zu welcher Betrachtungsweise ich neige, hängt sehr von meiner Tagesform ab. Momentan eher zu letzterer.

Kevin Coyne „Eastbourne Ladies“ Ganz vergessen, wie gut der war. Rauer und erdiger Song vom 73er Album „Marjory Razorblade“, das schon auf die Direktheit des Punk hinweist.

Crosby, Stills, Nash & Young „Helpless“ Natürlich ein Klassiker, der aber unmittelbar nach Kevin Coyne schlapp, weinerlich und hoffnungslos überproduziert klingt – was er, wenn ich so darüber nachdenke, tatsächlich auch ist.

Marianne Faithful „It’s All Over Now, Baby Blue“ Von den drei Million Versionen des Songs eine der besten.

Magazine „A Song From Under The Floorboard“ Waren nie meine Band. Der Song gefällt mir, aber nicht gut genug, um tiefer in deren Welt einzutauchen.

MC5 „Let Me Try“ Langsamer Blues. Nicht gerade ihre starke Seite.

Courtney Barnett „Avant Gardener“ Der Titel ist ein – das muss ich so hart sagen – selten dämliches Wortspiel mit dem Namen der schönsten Schauspielerin, die jemals die Leinwand erobert hat. Hat mit dem gar nicht mal schlechten Song natürlich nicht das geringste zu tun, soll wohl witzig sein. Courtney Barnett schreibt ihre Songs selbst und den Texten nach scheint sie noch ziemlich jung zu sein. Ich bin deshalb für das Zeugs, was sie so cool und lässig runter singt, definitiv die falsche Zielgruppe. Aber Talent hat sie, keine Frage.

T Bone Burnett „Zombieland“ So was wie der Testamentsverwalter traditioneller amerikanischer Musik von Blues bis Country. Ich kenne ihn nur als Produzenten und musikalischen Berater diverser Filme (u.a. „O Brother, Where Art Thou?“), von seinen Platten habe ich zur Gänze noch keine gehört. Das hier ist ein Reggae, nicht schlecht, aber so übertrieben fett produziert, dass Burnetts nicht sonderlich markante Stimme etwas verloren klingt.

Donovan with Jeff Beck and Lesley & Madeleine „Barbajagal“ Groovy, jazzy und gut. Wäre ich im Leben nicht draufgekommen, dass das von Donovan ist.

Link Wray „Fire And Brimstone“ Link Wray ist bekannt für seine dreckigen Rock’n’Roll-Instrumentals, die klingen wie Soundtracks für die dunklen Ecken auf der Kirmes – dort wo die coolen Jungs mit den schmierigen Haaren stehen und darauf warten, dass sie jemand blöd von der Seite anquatscht. Der Legende nach hat Wray Löcher in seine Verstärker gestochen, um seiner Gitarre den ultimativen Fuzz-Sound zu verpassen. Recht so, alles für die Kunst! Was ich bis eben nicht wusste: Er hat auch gesungen. „Fire And Brimstone“ ist ein schneller Country-Blues mit leidenschaftlichen Vocals und einem schönen Slide-Solo. Gefällt mir, wie das dazu gehörige Album, sehr gut.

harpers_4Harpers Bizarre „Witchi Tai To“ Ziemlicher Kontrast zu Link Wrays ruralem Country! Harpers Bizarre sind luxuriös, lasziv, verschwenderisch, urban, elegant – genau wie die Lamborghini Miura, der das Cover ihres Albums ziert. So einen perfekten Harmoniegesang kriegen im Pop sonst nur noch The Association und die Beach Boys hin.

Johnny Thunders „You Can’t Put Your Arms Round A Memory“ Johnny Thunders war die ultimative Personifizierung der zerstörerischen Kraft, die Rock’n’Roll haben kann, wenn man ihn ernst nimmt, genau wie Elvis, Little Richard, Jerry Lee Lewis, Lux Interior und der frühe Iggy Pop. Klasse Song, so nebenbei.

Lewis „I Thought The World For You“ Seltsames Stück von einem Interpreten, von dem ich noch nie gehört habe.

Nick Drake „Time Has Told Me“ Musiker, die Selbstmord verübt haben, sind ideale Projektionsflächen für nachträgliche sentimentale Verklärung. Ihrer Musik wird, besonders dann, wenn die Künstler wie im Falle Drake oder Joy Divisions Ian Curtis sich größtenteils an der melancholischen und dunklen Seite des Lebens abgearbeitet haben, schnell eine Tiefe beigemessen, die sie nüchtern betrachtet nicht hat. Ich mag Nick Drakes Songs, aber diese Verklärung hat mich immer gestört, weil ich finde, dass seine Musik die überhaupt nicht braucht. Ich halte ihn nicht für den besten aller Songwriter, aber für einen durchaus eigenständigen. Das alleine ist eine Menge mehr wert als jede aus Sentimentalität hinzu addierte Fake-Bedeutung.

The Modern Lovers „Pablo Picasso (Live)“ Der Song erschien erstmals auf John Cales „Helen Of Troy“ Album. Diese Version ist vor allem eine Hommage an The Velvet Underground, jene Band die Jonathan Richman so bewundert hat, dass er selbst Musik machen wollte. Bevor der Song gespielt wird, spricht Richman den kompletten Text („Pablo Picasso was never called an asshole,…not like you…“ etc.), eine Angewohnheit, der er bis heute bei seinen Konzerten treu geblieben ist. Wie ich letzte Woche schrieb: Man muss ihn einfach lieben.

Ramblin‘ Jack Elliott „If I Was A Carpenter“ Gute Version, Tim Hardins Original finde ich aber immer noch am besten. Das wirkt so zerbrechlich, was sehr schön die Unsicherheit des Fragestellers im Song unterstreicht.

Can „I’m So Green“ Neben Kraftwerk die wichtigste, weil einflussreichste deutsche Band. Ich mag sie, weil sie einerseits eine unglaublich verspielte Musikalität transportieren und gleichzeitig so straight und straff klingen.

The Waterboys „We Will Not Be Lovers“ Dichter und intensiver Track, der sehr schön zeigt, welche Power in minutenlangen Riff-Wiederholungen stecken kann (vergl. auch Velvet Underground „New Age“ vom 1969er Live-Album).

Shocking Blue „Love Buzz“ Kannte von denen nur „Venus“. Das hier ist Beat-Psychedelica mit Sitar als Lead-Instrument. Nett, brauch aber nicht noch mal.

The Kinks „Autumn Almanac“ Die Kinks gefallen mir am besten, wenn sie sich auf ihre Rock’n’Roll-Wurzeln besinnen. Augenzwinkernd „witzigen“ Pop à la „When I’m 64“ finde ich hingegen eher furchtbar.

The Handsome Family „Weightless Again“ Eine Mischung aus Country und Folk, die tatsächlich was gewichtslos schwebendes hat.

The Pogues „A Pair Of Brown Eyes“ Musik zum Schunkeln. Ich schunkel nicht.

Leonard Cohen „Tower Of Song“ Cohen ist unbestreitbar ein genialer Songwriter. Was ich bei seinen Alben nie verstanden habe, ist die oftmals lieb- und einfallslose Produktion. Das ist auf „I’m Your Man“, von dem „Tower Of Song“ stammt, leider nicht anders: Rhythmuscomputer und Synthiebass sorgen für einen altbackenen, billig klingenden 80er-Jahre-Sound, der nur schwer zu ertragen ist. Hasst der Mann sich selbst und seine Songs oder warum hat man dem keine Backing-Band mit talentierten Musikern hingestellt?

Hawkwind „Hurry On Sundown“ Mag ich. Ungewöhnlich für einen psychedelischen Track: Leadinstrument ist eine Mundharmonika.

Hüsker Dü „Eight Miles High“ Wird auch Zeit, dass die mal in meinem Mix auftauchen. Die Hüskers waren mein Ticket in die Welt des US-Hardcores Anfang der 80er. Hui, und was gab es da alles zu entdecken… Dieser Song ist natürlich eine Coverversion des Byrds-Klassikers, der von den Hüskers mit sägender Gitarre und heraus geschrienen Vocals sehr schön neu zusammengebaut wird.

Licht und Schatten halten sich diese Woche die Waage. Bin nicht unzufrieden, aber das geht noch besser. Einen Wunsch habe ich: Die Pogues möchte ich nicht wieder kommentieren müssen. Hörst du das, Spotify? In diesem Sinne: Bis zur nächsten Woche!

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Eingeordnet unter Alternative, Christians kommentierter Spotify-Mix, Jazz, Musik, Pop, Texte

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