Christians kommentierter Spotify-Mix für die 38. Woche

Diese Woche nur Superlative: Der beste Songwriter! Die unterbewerteste Rockband und der überbewerteste Zampano (Hint!) der Rockgeschichte! Dazu eine echte Entdeckung! Und noch viel mehr! Playliste wie immer am Schluss oder hier. Enjoy!

Townes van Zandt „For The Sake Of The Song“ „Townes Van Zandt is the best songwriter in the whole world, and I’ll stand on Bob Dylan’s coffee table in my cowboy boots and say that.“ – Steve Earle

F.J. McMahon „Sister Brother“ Schlurfiger Folk-Rock, der klingt, als sei er gerade erst aufgestanden. Die nicht sehr dynamische Stimme von McMahon verstärkt diesen Eindruck noch deutlich. Musik wie ein lauwarmer Teebeutel.

Robert Wyatt „Sea Song“ Von „Rock Bottom“, Wyatts  ersten Album nach dem Unfall, der zu seiner Querschnittlähmung geführt hat. Wyatts Musik ist nicht einfach und sein femininer, brüchiger Gesang ist nicht jedermanns Sache. Trotzdem gibt es nicht viele Künstler die elementare menschliche Emotionen so unter die Haut gehend tranportieren können wie er.

The Triffids „Wide Open Road“ Australische Americana. Wer Springsteen mag, ist bei den Triffids gut aufgehoben. Mir ist die Produktion hier zu glatt.

Flamin Groovies „Shake Some Action“ Eine der besten und unterbewertesten Rock’n’Roll-Bands überhaupt. Warum die nie über ihren Geheimtipp-Status hinausgekommen ist, ist mir schleierhaft. Wer die Groovies bisher nicht kannte, sollte das schleunigst nachholen, es gibt viel zu entdecken. Ein guter Einstieg ist das Album „Teenage Head“.

Kevin Ayers „Strangers in Blue Suede Shoes“ Wyatts Kumpel aus Soft Machine Zeiten. Der Song ist ok, weshalb ich in das dazu gehörige Album reingehört habe. Das ist aber leider ein Sammelsurium aus Jazzrock, Vaudeville, Pop und weißgottwas, was ich ob seiner Richtungslosigkeit belanglos finde.

Tom Waits „The Heart Of Saturday Night“ Aus Waits Frühphase, bevor er anfing mit Rasierklingen zu gurgeln. Schöner melancholischer Song über den Versuch, am Samstagabend all den Scheiß zu vergessen, der einen Werktags quält. Madeleine Peyroux hat eine atemberaubende Coverversion veröffentlicht.

Canned Heat „Poor Moon“ Macht gute Laune. Metaphysischer Blues.  der federleicht vor sich hin schwebt und trotzdem schön nach vorne geht.

Fred Neil „The Dolphins“ Ein fantastischer Sänger und Songwriter, der zwar als Hitlieferant für andere erfolgreich war, dem als Solokünstler aber der große Durchbruch versagt blieb. „Everbody’s Talkin'“ stammt aus seiner Feder, wurde aber erst in der Version von Harry Nilsson ein Hit. „The Dolphins“ wurde ebenfalls gerne gecovert, u.a. von Tim Buckley, Terry Callier und Billy Bragg. Zu recht, ist ein toller Song. Neils eigene Version gefällt mir neben der von Buckley am besten.

Jim Sullivan „U.F.O.“ Hat Ende der 60er/Anfang der 70er zwei Alben veröffentlicht, die an den meisten Menschen ungehört vorbei gegangen sind. An mir bis jetzt auch, obwohl ich die gerne schon vorher gekannt hätte. Die Musik erinnert mich ein wenig an Johnny Rivers Alben aus dieser Zeit, die im Spannungsfeld von Gegenkultur und verschwenderisch-opulenten Las Vegas-Sounds pendeln. So was mag ich, genau wie das Mysterium, welches Sullivans weiteren Lebensweg umgibt: Er ist 1975 in New Mexico verschwunden, einfach so. Niemand weiß, was mit ihm passiert ist. Wäre tröstlich, wenn ihn musikbegeisterte Aliens entführt hätten.

Hookworms „On Leaving“ Moderner Psychedelic-Rock, angesiedelt irgendwo zwischen Spacemen 3 und Monster Magnet. Gibt’s tausendfach auf dieser Welt und oft auch besser.

Kate & Anna Mc Garigle „Heart Like A Wheel“ Frauen in Hippie-Kleidern. Der Song klingt auch so. Kann ich gar nichts mit anfangen.

 The Damned „I Just Can’t Be Happy Today“ Gutes Antidot zu den McGarrigles. The Damned waren eine der ersten Punkbands und eine gute obendrein. Der Song ist vom dritten Album „Machine Gun Etiquette“, dass durchgehend Spaß macht.

David Crosby „Laughing“ Von den Ex-Byrds der, den ich bisher für den am wenigsten talentierten Songwriter gehalten habe. Wunderschön singen konnte er allerdings schon immer. Das macht er hier auch, und selbst der Song gefällt mir, eine magische Höhle, in der die Gitarrenlicks funkeln wie Edelsteine.

Ian Dury „Sweet Gene Vincent“ So englisch wie Mintsauce und genau wie bei der muss ich schon wirklich Appetit drauf haben, um das zu geniessen.

Patti Smith „Land“ 9 Minuten Tour de Force von „Horses“. Das Album klingt wie das fehlende Bindeglied zwischen dem aufkommenden Punk und Urvätern wie den Velvets. Produziert hat John Cale. Großartig und intensiv.

Ritchie Havens „High Flyin‘ Bird“ Uptempo-Nummer mit starkem Latin-Jazz-Einfluss. Swingt sehr schön.

Lou Reed „Street Hassle“ Zärtlicher Hardcore-Realismus, wie ihn nur Lou Reed schreiben konnte. Eine Anekdote, die ich über den Song gehört habe geht so: Während eines Radiointerviews zum Album hat ein Hörer angerufen und Lou gefragt, ob es die Frau, die in „Street Hassle“ stirbt, wirklich gegeben hat. Trockene Gegenfrage von Lou: „Wäre es dann ein besserer Song?“ Nein, Arschloch, wäre es nicht, trotzdem danke für alles. Bin immer noch traurig, dass du nicht mehr da bist. „Love has gone away / and there’s no one here now / and there’s nothing left to say.“

Pavement „Range Life“ Wunderschöner, verkiffter Indie-Rock-Song aus der Zeit, als Slacker noch echte Slacker waren. „Wegen der eher harmlosen Textzeilen „Out on tour with the Smashing Pumpkins / Nature Kids / they don’t have no function and I don’t understand what they mean / and I could really give a fuck“ hat sich Billy Corgan ziemlich aufgeregt und Pavement danach Steine in den Weg gelegt, wo immer er konnte. Humorloser Idiot.

Them „Mystic Eyes“ Wie (fast) alles von und mit Van Morrison klasse. Für mich eine der besten Beatbands.

karen_daltonKaren Dalton „Something On Your Mind“ Mit der Kompetenz der Plattenhändler meines Vertrauens scheint es abseits ausgelatschter Hipster-Pfade nicht weit her zu sein. Wie könnte es sonst sein, dass ich von dieser außergewöhnlichen Künstlerin erst durch den Vorschlag eines Algoritmus erfahre? Karen Daltons Stimme ist völlig einzigartig – ungefähre Anhaltspunkte sind Billie Holiday, Macy Gray und Annette Peacock – weißgott nicht schön im herkömlichen Sinn, aber 1000  Mal berührender und intensiver als all der glattgebügelte Mist, der einem als Emotion verkauft wird. „Something On Your Mind“ ist von Karen Daltons 1971 erschienenden Album „In My Own Time“, das ich mir jetzt als LP besorgen werde.

Delta 5 „Mind Your Own Business“ Musikalisch klingen Delta 5 nach dem trockenen Britfunk der ersten Gang Of Four-LP, ohne aber deren musikalische Qualität zu erreichen. Beim Gesang wird es leider noch schlimmer: Der blöde, schlagwortartige Text wird eher gekläfft als gesungen, was wohl weibliches Selbstbewußtsein demonstrieren soll, aber nur jene Humorlosigkeit und aufgesetzte Bitterkeit transportiert, die dem Feminismus in den späten 70ern halt so eigen waren.

The Soft Boys „I Wanna Destroy You“ In meinen Kommentaren zum Mix der 35. Woche habe ich Robyn Hitchcock als nett aber langweilig bezeichnet. Das war möglicherweise etwas voreilig, denn was er hier zusammen mit den Soft Boys abgeliefert hat, ist Punkrock der Extraklasse. Höre ich gleich nochmal.

Alan Vega „Jukebox Babe“ Alan Vega war eine Hälfte der legendären Suicide, die ich Ende der 70er in Hamburg als Vorprogramm von Elvis Costello gesehen habe. Weder vorher noch danach habe ein Publikum erlebt, dass einer Vorband so viel Hass entgegenbracht hat wie an diesem Abend. Dabei waren Suicide großartig – dreckig, monoton, laut und verstörend. Seit dem war Vega einer meiner Helden und seine beiden ersten Soloalben halte ich immer noch für Meisterwerke. Vega hat den reduzierten Synthiesound von Suicide in eine Art metallischen Kokain-Rockabilly verwandelt (ich bin gerade unsicher, ob mir diese Formulierung selber eingefallen ist oder ob ich sie irgendwo gelesen und aus einer der hinteren Ecke meines Hirns hervorgekramt habe – egal, sie beschreibt die Musik sehr treffend) – der nachhaltig beweist, was für eine transzendierende Wirkung die Beschränkung auf zwei Akkorde haben kann. „Jukebox Babe“ war in Frankreich ein echter Hit, leider nirgendwo sonst in der Welt. Neben Karen Dalton einer der Höhepunkte dieser Playlist. Ach was: Jeder Playlist.

The Rolling Stones „Moonlight Mile“ Von den Stones habe ich nur „Beggars Banquet“. Waren nie wirklich meine Band, obwohl mir doch relativ häufig ein Song von ihnen gefällt, wenn ich ihn zum ersten Mal höre. Der hier gehört dazu.

Ultimate Painting „Ultimate Painting“ Velvet Underground-Klone, Phase ca. 3. Album. Davon gibt es mehrere und auch bessere.

Billy Bragg „Levi Stubbs Tears“ Unsentimaler und doch berührender Song über Trost in Form von Motown-Songs in einer zusammenbrechenden Welt.

Brian Eno „I’ll Come Running“ In der Kommentaren der Vorwoche schrieb ich, wie sehr die Pop Group und Throbbing Gristle mein Verständnis von den künstlerischen Möglichkeiten von Musik erweitert hätten. Das gilt auch für Eno, obwohl mir von seiner Musik längst nicht alles gefällt. Seine Songs finde ich meistens nicht so spannend wie seine experimentellen Arbeiten – aber darauf kommt es nicht an. Seine kreative Gesamtleistung ist einfach gigantisch und er ist immer noch für Überraschungen gut. Von daher fällt es überhaupt nicht ins Gewicht, ob mir „I’ll Come Running“ als Song gefällt oder nicht (tut er nicht).

The Mothers Of Invention „Hungry Freaks, Daddy“ Zappa, tja…, den mochte ich mochte noch nie. Für mich war er immer der überbewerteste Musiker überhaupt…nein, eher so:  Für mich war er immer ein zynisches Arschloch, dessen herausragendste Fähigkeit darin gelegen hat, sich über musikalisch weniger Talentierte lustig zu machen. Ständig hat er irgendwas parodiert, meistens Musik die sowieso kein Mensch wirklich ernst genommen hat. Dafür und weil er sich auf dem Scheißhaus hat fotografieren lassen, wurde er auf den Sockel der Unantastbarkeit gestellt und steht bis heute drauf. Dabei ist er doch nur ein arroganter, analfixierter Pseudo-Bürgerschreck (niemand liebt ihn mehr, as die Bildungsbürger, die er angeblich erschreckt), der die Rockmusik und deren Hörer verachtet (Steely Dan, die in ihren kompositorischen Fähigkeiten Zappa mindestens ebenbürtig und ebensolche Perfektionisten sind,  haben durchaus auch eine ironisierende Grundhaltung, die sie auch in ihren Songs ausdrücken, aber anders als Zappa geht ihnen die Verachtung für das Genre, in dem sie arbeiten, völlig ab). Die einzige Zappa-Platte mit guten Momenten ist „Bongo Fury“ – und die gehen alle auf das Konto von Captain Beefheart (hat Zappa auch gemerkt und danach nie wieder mit ihm zusammengearbeitet. Geht ja nicht an, das jemand tatsächlich besser sein könnte, als der große Meister). Eh ich’s vergesse: Der Song „Hungry Freaks, Daddy“ ist ein typisches Beispiel für das vorher gesagte und so schenkelklopfend-unwitzig, dass man sich schon kurz nach dem Hören nicht mehr an ihn erinnert.

Mit diesem kleinen Fast-Rant verabschiede ich mich für diese Woche. Stay tuned!

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Eingeordnet unter Alternative, Christians kommentierter Spotify-Mix, Jazz, Musik, Pop, Texte

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