Christians kommentierter Spotify-Mix für die 36. Woche

Selbe Woche, neuer Mix. Wenig Aktuelles drin, dafür viel Gutes aus dem Bereich „Musik, die Babyboomer gut finden“. Die Playlist zum Mithören findet ihr am Ende oder hier. Enjoy!

The Chills „Pink Frost“ Guter Anfang. Die Chills sind eine Popband im besten Sinne des Wortes, die allerdings außerhalb ihres Heimatlandes Neuseeland niemals besonders populär geworden ist, obwohl Sänger und Mastermind Martyn Phillipps ein versierter Songschreiber ist. Für einige seiner Melodien würde manch anderer Songwriter seine rechte Hand hergeben. „Pink Frost“ ist vom ersten Chills Album „Kaleidoscope World“, dessen gute Songs etwas unter der billigen Produktion leiden.

Fugazi „Turnover“ Habe ich Ewigkeiten nicht mehr gehört, finde ich aber immer noch toll. Muss ich wirklich mal wieder rauskramen.

Nic Jones „Canadee – I- O“ Old-School-Folk, vorgetragen von einem sensiblen jungen Mann, der sich selbst auf der Akustischen begleitet. Die Stimme mag ich nicht.

David Sylvain „Red Guitar“ Der hat viele Fans, auch unter Leuten, deren Musikgeschmack mit meinem ansonsten gut harmoniert. Ich konnte schon mit Japan wenig anfangen, obwohl ich immerhin mal die „Oil On Canvas“ Doppel-LP hatte. Die soll angeblich live sein, was angesichts der Blutleere des aalglatten Gefrickels schwer zu glauben ist. Jede Flasche Sagrotan enthält mehr Leben. Das hier finde ich noch öder. Jazz-Rock, verkleidet als Pop für den anspruchsvollen Hörer, dazu eine grauenhafte Imitation von Bryan Ferrys Gesangsstil. Das ist musikgewordene Arroganz und mir fällt nicht eine Gelegenheit ein, wozu ich die hören wollen würde.

Joy Division „Atrocity Connection“ Mein Lieblingsstück von Joy Division ist „She’s Lost Control“, allerdings in der Version von Grace Jones. Das hier ist ok, das atonale Gitarrengeschrabbel im Hintergrund gefällt mir, im Gegensatz zu Ian Curtis‘ Gesang, mit dem ich nie richtig warm geworden bin. Am besten finde ich den Titel.

Roxy Music „Out Of The Blue“ Ah, der Meister selber. Das hier hat Stil und Klasse, wie alles von Roxy Music. Der Track stammt vom Album „Country Life“, dass ist das mit den beiden sehr knapp bekleideten Grazien auf dem Cover. Finde ich sexy (hüstel).

Grant Lee Buffalo „Lone Star Song“ Americana mit leichtem Grunge-Flair. Man hört sofort, dass das aus den 90ern ist. Kann ich was mit anfangen, muss ich aber nicht oft hören.

William_OnyeaborWilliam Onyeabor „Atomic Bomb“ Stammt vom Album „Who is William Onyeabor?“ (die Frage habe ich mir auch gestellt), von dessen Cover uns der Interpret wie ein afrikanischer JR Ewing entgegen lächelt. Weltklasse Optik, und die Musik ist auch toll. 9+ Minuten schöner, sanft vorwärts treibernder Afro-Funk mit Toy-Piano Sprenkseln und fiese flirrenden Moog-Schnörkeln. Klingt irgendwie unfertig, was das Stück aber noch charmanter macht. Kannte ich vorher nicht, umso mehr freue ich mich über diese Entdeckung.

Lloyd Cole & The Commotions „Rattlesnake“ Schön, der Hit von Cole’s erstem Album, auf dem noch ein paar andere gute Tracks drauf sind.

The Smiths „The Headmasters Ritual“ Die Smiths sind natürlich die ultimative Wimp-Band, aber ich mag sie. Dieser Songs gehört mit zu ihren Besten. Eine der Bands, bei denen ich verstehen kann, warum sie einen so legendären Status haben.

Alison Krauss & Robert Plant „Rich Woman“ Schöner Lowdown-Dirty-Groove, sehr sexy. Toll gespielt und gesungen. Finde ich besser als Led Zeppelin.

Miracle Legion „All For The Best“ Indierock der netten Sorte. Wenn ich mich richtig erinnere, waren die mal bei Rough Trade (…Moment, ich schau mal nach… yep, stimmt). Für Leute, die frühe REM mögen (ich, manchmal).

Creedance Clearwater Revival „Ramble Tamble“ John Fogerty gehört zu den Songwritern, die man gar nicht genug würdigen kann. Wie Dylan hat er archetypische Songs geschrieben, die klingen als hätte es sie bereits vor der Erfindung der Musik gegeben. Leider hat er sich von seinem ehemaligen Manager über’s Ohr hauen lassen, so dass er an den CCR-Songs fast nichts verdient hat. Auch „Ramble Tamble“ aus dem Album „Cosmo’s Factory“ stammt aus seiner Feder und ist ein guter Kandidat für die Top 10 der besten Album-Eröffnungssongs.

Public Image Ltd. „Public Image“ Einen so markanten stilistischer Wechsel vom Punk hin zur Avantgarde haben nicht viele Künstler gewagt. „Public Image“, Lydons erstes Lebenszeichen nach den Sex Pistols, hat zwar noch deutliche Punk-Gene und ist damals tatsächlich auf Platz 2 in die englischen Charts eingestiegen, war aber nur das trojanische Pferd, um die Hörer für das kommende Album anzuködern. Das beginnt mit dem 9minütigen „Theme“, einem mächtigen Zeitlupen-Tsunami, der wegweisend für den PIL-Sound der ersten Alben war, in dem Jah Wobbles dröhnende Basslinien und Keith Levenes mäandernde Gitarrensplitter dominierten. Dieser Sound und die radikale Haltung, seinen Fans so was um die Ohren zu hauen, haben mich damals weggeblasen und ich finde das auch heute noch toll.

Emmylou Harris „Bluebird Wine“ Von ihrem Album „Pieces of the Sky“, das ich mal hatte, aber vor einem Umzug zusammen mit einem größeren Teil meiner Plattensammlung verkauft habe, weil sich ansonsten meine Freunde geweigert hätten, mir tragen zur helfen. Ärgert mich jetzt. Blöde Freunde.

Dire Straits „Water Of Love“ Musik für Gemeinschaftskundelehrer, die auch Sport unterrichten und echt gut drauf sind, also voll locker und so. Mir ein Rätsel, wie das in meinen Mix kommt.

Wilco „Impossible Germany“ Wilco mag ich, kann aber die große Verehrung, die dieser Band u.a. im Rolling Stone entgegengebracht wird, nicht ganz nachvollziehen. Die Songs sind solide und natürlich auch sehr gut gespielt, aber mir insgesamt zu gut abgehangen.und gewollt bedeutsam. Uncle Tupelo, die rauere und spontanere Vorgängerband, gefällt mir immer noch besser.

Dave van Ronk „Green, Green Rocky Road“ Der klassische One-Man-Akustik-Folk ist normalerweise nicht so meine Welt (von Dylan mag ich die Solo-Sachen auch nicht), aber das hier gefällt mir. Van Ronks Stimme klingt nach gelebtem Leben und solchen Stimmen höre ich gerne zu.

Elton John „Amoreena“ Von Elton John kenne ich nur das, was einem immer wieder aus dem Radio entgegenschallt. In meiner Vorstellung waren seine Platten aus den 70ern immer fest mit denen von typischen WASP-Singer/Songwritern wie Carole King und Carly Simon verbunden, keine Ahnung wieso. Vielleicht weil ich finde, dass John nie besonders englisch klang. „Amoreena“ ist vom Album „Tumbleweed Connection“ und kein schlechter Song, allerdings auch keiner, den ich wieder auflegen werde.

Neville Brothers „Yellow Moon“ Über die Nevilles würde ich nie etwas schlechtes sagen, auch wenn ich ihr Nebenprojekt The Meters noch aufregender, weil rauher und direkter, finde. „Yellow Moon“ ist ein schöner, atmosphärisch dichter Song. Passt.

The Creation „Making Time“ Brit-Psychedelica aus den 60ern mit deutlichem Garage-Rock-Einschlag. So was finde ich NATÜRLICH sehr gut. „Making Time“ hat alles, was auch den Hit „Painter Man“ auszeichnete: Einen wuchtigen, vibrierenden Gitarrensound und Leadgesang mit der nötigen Portion Rotzigkeit. „Our music is red – with purple flashes“ lautet die Selbstbeschreibung der Band und das finde ich auch.

Belle & Sebastian „The Stars Of Track And Field“ Schon das zweite Mal, dass B&S in meinem Spotify-Mix auftauchen, dabei habe ich bisher nichts von denen gestreamt. Mag ich schon irgendwie, wenn mir auch das betont Verhuschte und Sensible auf Dauer echt auf den Sack geht.

The Ramones „Danny Says“ Eine Band, die über jede Mäkelei erhaben ist. „Danny Says“ ist ein Song über das Leben on-the-road, dass bei den Ramones wohl eher eine deprimierende Erfahrung war. Danny ist Danny Fields, der ehemalige Manager, der die undankbare Aufgabe hatte, die Band in kommerziellere Regionen zu führen. Hat nicht geklappt, leider, obwohl Fields im Umgang mit Exzentrikern und Soziopathen durchaus versiert war (vorher hatte er u.a. die Stooges und die MC5 betreut). Der Song ist toll, eine Punk-Rock-Ballade, die genauso klingt, wie eine Punk-Rock-Ballade klingen muss.

Richard Hell „Blank Generation“ Hit! Gehört auf eine Stufe mit „Teenage Kicks“, „I’m Stranded“ und „Arnachy in the UK“. Danke schön, höre ich immer wieder gerne.

Aztec Camera „We Could Send Letters“ Von einem meiner Lieblingsalben aus den 80ern, „High Land, Hard Rain“. Roddy Frame ist nie über den Status des ewigen Super-Songwriter-Talentes hinaus gekommen. Wenn das Songmaterial gut war, war die Produktion mies und umgekehrt – irgendwas hat immer nicht gepasst. So gut wie damals war er jedenfalls nie wieder. „We Could Send Letters“ bringt Eisberge zum Schmelzen. Ein Monster von einem Song.

Elliot Smith „Coast To Coast“ Noch so ein Planet, der seit Jahren in den äußeren Regionen meines musikalischen Universum seine Bahn zieht, ohne dass ich ihn bisher näher erforscht hätte. Warum eigentlich nicht? Der Song ist klasse – intensiv, fordernd und treibend, und so eine Kombination gefällt mir immer.

Lloyd Cole & The Commotions „Are You Ready To Be Heartbroken“ Sein zweiter Titel in diesem Mix. Auch hier: Ja, schon, doch… ab und zu mal gerne. Wobei mir hier auffällt, dass Cole früher gerne exzessives Namedropping betrieben hat: Arthur Lee, Norman Mailer, Simone de Beauvoir, Eve Marie Saint… Spät-pubertäre Marotte? Hatte er eigentlich gar nicht nötig.

Nick Cave & Shane MacGowan „A Rainy Night In Soho“ Die Begeisterung für die Pogues konnte ich noch nie teilen. Irish Folk finde ich zum Weglaufen, auch wenn er mit Punk-Attitude gespielt wird. Das hier klingt eher Cave-typisch, eine dunkle Ballade, vorgetragen mit großer Geste. Schön gesungen von beiden, berührt mich aber nicht. Dass MacGowan noch lebt, halte ich übrigens für das weitaus größere Wunder als das Lemmy noch unter uns weilt.

Calexico „Crystal Frontier (Original Version)“ Es gibt noch die opulenter produzierte Widescreen-Version mit den Calexico-typischen Mariachi-Bläsern, aber die hier ist auch sehr schön. Unglaublich nette Band, habe ich mal in meinem Auto zu einem Shop-Gig bei Zardoz in HH gefahren.

Sturgill Simpson „Turtles All The Way Down“ Toller Neo-Country mit Outlaw-Attitude. Simpson singt über die typischen Country-Themen (Alkohol, Drogen, Frauen), meistens aber über seine eigenen Dämonen. Dabei verschmelzt er Tradition mit den Herausforderungen der Gegenwart ohne dabei in Redneck-Klischees zu verfallen. Der Song ist von dem Album „Metamodern Sounds In Country Music“, das auch den Song „It Ain’t All Flowers“ enthält, der mir noch besser im Mix gefallen hätte: Ein Stück Country-Psychedelica, dass mich mit seinen rückwärts gespielten Stellen an „Tomorrow Never Knows“ erinnert. Aber auch so: Passender Abschluss für eine alles in allem ganz ordentliche Playlist.

Gut gemacht, kleiner Algoritmus!

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Eingeordnet unter Alternative, Christians kommentierter Spotify-Mix, Jazz, Musik, Pop, Texte

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