Chronophobie und brüllende Löwen: Der Durlacher Filmemacher Philipp Hartmann

Am 17. September ist Philipp Hartmanns wunderschöner filmischer Essay über die Vergänglichkeit zum wahrscheinlich letzten Mail in Karlsruhe auf einer großen Leinwand zu sehen (in der Kinemathek 3). Aus diesem Anlass weise ich mit dem folgenden Artikel, den ich ursprünglich für das Durlacher Blatt geschrieben habe, gerne nochmals auf den Film hin, der, wie ich finde, nur in ausverkauften Sälen laufen sollte. Wer ihn noch nicht kennt: Anschauen, es lohnt sich.

„Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt“ heißt es in einem alten Schlager und das ist eine Wahrheit, die wir Menschen schmerzlich fühlen, weil die Zeit leider nicht vor uns Halt macht. Nicht nur dass, wir wissen um die Begrenztheit unserer Lebenszeit und als wäre das nicht schon deprimierend genug, messen wir auch noch nach, wie viel uns davon vermutlich noch bleibt. Wenn sie deutsch und männlich sind, stehen ihnen genau 76,5 Lebensjahre zur Verfügung, jedenfalls im statistischen Durchschnitt (als Frau haben Sie ein paar Jahre mehr).

postkarten3rDer aus Durlach stammende Filmemacher Philipp Hartmann ist 1972 geboren und hat somit schon mehr als die Hälfte seiner Lebenszeit „verbraucht“, eine Tatsache, aus der heraus viele Männer in diesem Alter eine ausgewachsene Midlifecrisis entwickeln. Hartmann hat seine scherzhaft „Chronophobie“ genannt (ohne zunächst zu wissen, dass das Krankheitsbild der Angst vor dem Vergehen der Zeit wirklich existiert) und einen Film gemacht, der exakt 76,5 Minuten lang ist und sich auf sehr persönliche Art mit dem Thema Vergänglichkeit beschäftigt. Der Film heißt „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“ – ein wunderbarer Titel, der ebenso sperrig wie poetisch klingt und über dessen Bedeutung zum Verständnis seines Filmes Hartmann keine eindeutigen Aussagen zu entlocken sind: „Das hat meine Oma immer gesagt“. time-goes-by-still111

Nun ist es ein abgestandenes Klischee, dass Filme, die ihre Geschichte nicht nach aktuellen Blockbuster-Standards abspulen, unverständlich sind. Hartmanns Film kann jeder verstehen, man muss sich nach mal „auf ihn einlassen“, um ein anderes abgestandenes Klischee zu bemühen, man muss ihn sich bloß ansehen. Hartmanns souveräne Wahl der Bilder und die Zusammenhänge, welche er durch seine unaufgeregte Montage herstellt, ziehen den Zuschauer unwiderruflich in den Film hinein, machen aus ihm einen Agierenden, der seine eigene Erfahrungen und Gefühle über Sterblichkeit und Vergänglichkeit mit den im Film gezeigten abgleicht und die bewusst gelassenen Lücken in der Filmerzählung mit eigenen Assoziationen auffüllt.postkarten

Im ersten Drittel erzählt Hartmanns Stimme von einem Amokläufer, der, bevor er loszog, um zu töten, alleine in seiner Wohnung saß und die Minuten in einer Strichliste abgehakt hat, ganz akribisch, jede verstrichene Minute. Gegen Ende zeigt Hartmann Zeichnungen von Uhren, die Demenzkranke gemalt haben. Alle Bilder sind auf die eine oder andere Art unvollständig: Bei einigen fehlen Zahlen oder sind falsch angeordnet, bei anderen fehlen die Zeiger. Gemein ist ihnen, dass auf ihnen die Zeit bildlich ausgelöscht ist. Das Vergessen hat gewonnen.

Vielleicht liegt ein gesundes Verhältnis zur Zeit genau zwischen diesen beiden Extremen, dem Auslöschen der Vergänglichkeit aus dem Bewusstsein und dem bewussten Erleben, dass wir genauso brauchen und an von uns als historisch empfundenen Ereignissen festmachen. Das kann der Tod eines geliebten Menschen sein, aber auch so etwas wie Gegenstände, die wir im Urlaub an Strand finden. Beides kommt in Hartmanns Film vor und der Nachhall der Kombination von Banalem mit Schicksalsschlägen ist gewaltig: Noch Tage und Wochen nach dem Kinobesuch tauchen immer wieder Gedanken auf, die der Film provoziert hat.

time-goes-by-still15Philipp Hartmann ist ein Meisterwerk gelungen, formal abseits von dem, was gemeinhin Mainstream heißt, aber eben doch genau mittendrin, weil das Thema universell ist. Leider war die Vorführung vor zwei Wochen in der Schauburg die letzte Station von Hartmann Tournee durch 50 Städte und somit die wahrscheinlich letzte Chance, „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“ in Karlsruhe auf großer Leinwand zu sehen. Den Film gibt es zum Glück jedoch auf DVD (www.zeit-film.de), außerdem kommt Philipp Hartmann, der seit einiger Zeit in Hamburg lebt und dort an der Hochschule für bildende Kunst arbeitet, immer noch regelmäßig nach Durlach, um die Karlsruher Kurzfilm Nächte zu präsentieren und vielleicht hängt er an die nächste einfach einen weiteren Abend dran und zeigt nochmals „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“. Und ganz Durlach geht hin. Verdient hätte es der Film allemal.

(Erstveröffentlichung am 19.02.2015 im Durlacher Blatt.)

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