Redundanz makes reality go round (sing it again, boys and girls!) – 10 Thesen über ein Thema

Wer den Fernseher einschaltet, kommt nicht daran vorbei: Ein Protagonist spricht in die Kamera und beschreibt exakt das, was im Augenblick zuvor zu sehen war. Was ist passiert? Sind die Zuschauer plötzlich mehrheitlich blind geworden? Natürlich nicht – es ist die Bestie der unbegrenzten Redundanzen, die uns hier ihr schreckliches Angesicht zeigt. Nehmen wir also die Gelegenheit wahr und schauen sie uns etwas genauer an.

10 Thesen über ein Thema, das uns überall begegnet

1. (Fernseh)Bilder alleine haben keine Macht mehr. Jeder 6jährige weiß heutzutage, dass an digitalen Dateien alles veränderbar ist.

2. Das Fernsehen war schon immer ein veränderbarer virtueller Raum, der jedoch aufgrund seines technischen Monopols bis in die 90er Jahre hinein eine außerordentlich starke Autorität besaß: Was im Fernsehen an Informationen gesendet wurde, musste wahr sein (sonst würde man diesen Aufwand ja nicht betreiben, um es zu senden).

Interlude 1: „During the ’08 election we tweeted what they were doing on TV. Four years later, TV is talking about what we’re doing on Twitter.“ Tweet vom 7.11.2012

3. Eine Reihe von Skandalen um gefakte Dokumentationen, die größere Verbreitung von medientheoretischem Wissen und die stetige Demokratisierung von Auftrittsmöglichkeiten im Fernsehen brachte diese Autorität jedoch ins Wanken. Mit Beginn des Privatfernsehens in Deutschland konnte jeder mediale Karriere machen, zunächst als Talkshow-Gast, später als Akteur in einer der zahllosen Skripted-Reality-Shows.

4. Mehr als alles andere jedoch untergräbt die massenhafte Teilnahme an einem Medium die Autorität eben dieses Mediums, gemäß der alten Köche-Weisheit „Ich esse das nicht, ich weiß ja was drin ist“ oder Groucho Marx‘ berühmten Spruch „Ich möchte keinem Klub angehören, der Leute wie mich als Mitglieder aufnimmt.

5. Schnell wurde Allgemeinwissen, dass fast alle Talkshows gecasted werden und die Diskussionen und Streitereien einem Drehbuch folgen. Fernsehen bildet keine Realität ab, es inszeniert sie neu. Vom „so könnte es sich abgespielt haben“ war es ein kurzer Weg zu „so sollte es sich abgespielt haben“, eine Haltung die der Fernsehzuschauer mittlerweile verinnerlicht hat. Er weiß ganz genau, was von ihm erwartet wird, wenn eine Kamera auf ihn gerichtet ist und entsprechend reagiert er. Das Problem: Er reagiert immer noch genauso, wenn keine Kamera mehr auf ihn gerichtet ist.

6. Die Virtualisierung des Lebens durch Skripted Reality bedingt die Bestätigung durch das Wort eines Protagonisten, wobei hier gilt: Je mehr Tattoos und je bescheuerter die Frisur, desto glaubwürdiger. Ein erstaunlicher Umschwung weg von den Experten, denen die meisten sowieso nicht mehr über den Weg trauen (Bankenkrise, Skandale, Korruption etc. pp.) hin zum medial allgegenwärtigen Prekariat (Prekariat = Authentizität).

7. Längst hat die Redundanz auch als seriös geltende Publikationen erreicht. Der Artikel „Momente der Fremdscham“ , den Stefan Niggemeier am 4.11.2012 auf SPON veröffentlicht hat, besteht zu 2/3 aus Nacherzählung von Ereignissen aus der „Wetten Dass“-Sendung vom Samstag davor. Warum wird so etwas geschrieben und auch noch veröffentlicht? Der Großteil der SPON-User hat doch die Sendung selber gesehen. Die Frage erübrigt sich schnell, wenn man einen Blick auf die Anzahl der Kommentare zu diesem Bericht wirft. Stolze 787 User haben sich zu einem Artikel geäußert, der ihnen so gut wie keinen neuen Informationswert bringt (zum Vergleich:  851 User haben die Rede von Barack Obama in dem SPON-Artikel  „Ihr habt Tatkraft gewählt“ kommentiert).

8. Der Backlash des Virtuellen in das reale Leben ist mittlerweile so dramatisch, dass wir Redundanzen als dauernde Bestätigung unser Existenz brauchen, selbst wenn es sich um Themen handelt, die für unser weiteres Leben keinerlei Konsequenzen haben.

Interlude 2: „Hey, Schweini kann Freistoßtore. Lange nicht gesehen.“ Tweet vom 7.11.2012 während eines Champions-League-Spiels

9. Der unablässige Ansturm an Informationen, der seit der totalen Vernetzung auf uns niedergeht, kann nur noch unzureichend verarbeitet werden. Wie in einem LSD-Rausch strömen unablässig neue Eindrücke auf uns ein; die Filter des Gehirns werden nutzlos, weil sie nicht mehr in der Lage sind, sinnvolle Informationen von sinnlosen zu unterscheiden. Damit wir überhaupt etwas als Information wahrnehmen, brauchen wir die Redundanz. Damit wir überhaupt etwas als Informationen wahrnehmen, brauchen wir die Redundanz. 

10. Ich bin im Fernsehen also bin ich. Oder doch nicht? Sag’s nochmal, bitte! Gern: Du bist im Fernsehen, also bist du. Wirklich. Aber deine Frisur ist trotzdem scheiße.

[11. Redundanzen sind die letzten Zuckungen einer Realität, die kurz davor steht, in Bedeutungslosigkeit zu versinken.]

Outro (sing ad infinitum):

„’Cause when love is gone, there is always justice.
And when justice is gone, there is always force.
And when force is gone, there is always mom. Hi mom!

So hold me mom, in your long arms, in your automatic arms, in your electronic arms.“

(Laurie Anderson „O Superman“)

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Medientheorie, Texte

2 Antworten zu “Redundanz makes reality go round (sing it again, boys and girls!) – 10 Thesen über ein Thema

  1. Sybille

    Genau. Deswegen gucke ich auch kein Fern. Und brauche auch keine Live-Ticker zu jedem Mist. Twitter habe ich auch abgestellt. Da muss man nicht mal Kulturpessimistin sein, das ist einfach nur langweilig.

  2. egal

    Zu Punkt sechs: Du kommentierst die Kommentare der Kommentierung einer unwichtigen Fernsehsendung. Ich kommentiere…
    Es gibt doch einen ganz offensichtlichen Ausweg:
    Für den Konsumenten: Einfach mal nicht lesen, schauen, hören. Priorisieren. Filter entwickeln. Ist nicht schwer.
    Und für den Produzenten: Sich einfach mal hinterfragen, relativieren und dann hoffentlich das Produzieren einstellen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s